Der Autor Heinz Römbell versucht auf diesen Seiten eine Allgemeine Geldtheorie zu erstellen. Sie baut auf der Erkenntnis auf, dass Geld nur ein projiziertes Erscheinungsbild von Kredit und Schuld in die Zukunft ist und es darum immer spekulativ sein muss.

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                             Limodane und Brutalo

    Verleugnung der physiokratischen Ebene durch den absoluten Merkantilismus oder Geld entsteht nur durch einen Schuldvertrag

    "Die Armen sind die geduldigsten Gläubiger." Aus "Vatel"; französischer Historienfilm über die Zeit des Sonnenkönigs mit Gérard Depardieu; 2000

  

     Vorwort

Erfinden wir ein Märchen oder eine Utopie. - Am besten: Utopie, weil es ausschließlich nur die Zukunft betrifft. Wir wissen nicht, weil es sich um ein Spiel der Gedanken handelt und in dem das Geld im Vordergrund stehen soll, wie alles ausgeht. Denn wer kann in die Zukunft sehen? Wie wir erfahren werden, ist Geld eine Zukunftsprojektion! Wir wissen auch nicht, ob die Erzählung für die darin enthaltenen Figuren einen guten oder schlechten Ausgang bereithält. Wir wollen aber an menschliche Eigenschaften denken, mit deren Erscheinen die Figuren in jedem Augenblick ihres virtuellen Lebens zu rechnen haben und die sich mit Liebe und Tod, Reichtum oder Armut, Gesundheit und Krankheit, Erfolg und Misserfolg auseinander zusetzen haben.

Eine Eigenart von Utopie ist, dass sich das geistige Auge plötzlich in einer anderen Zeit wiederfindet. Mit anderen Worten: Bei der Utopie haben wir es mit einem Anachronismus zu tun, der einen Realisten zwar unterhalten aber vermutlich nicht beeindrucken kann. Doch wenn jeder Realist erkennen würde, was am Gegenwärtigen nur Schein ist, brauchten wir diese Erzählform nicht. Utopien und Märchen richten sich daher gegen das Reale. Utopische Figuren müssen mit dem Anachronismus spielen und die Wirklichkeit zwischen dem Denkbaren und Undenkbaren, dem Sichtbaren und Unsichtbaren erkunden. Darum laufen sie Gefahr - nicht nur wegen der Zeitsprünge - nicht charakterstabil zu sein. Naivität und haushohe Überlegenheit wechseln sich in ihrem Dasein ab. Limodane und Brutalo wandern so durch Zeit und Raum, damit sie für Har geistige Erfahrungen sammeln.

Sie kehren zurück in ihre Zeit, nachdem sie bei  Walter waren, der sie mit einer Menge von unbeachteten oder auch vergessenen Axiomen beschenkte. Walter wusste, dass keine Generation in der Lage ist, ihre Erfahrung und ihr Wissen vollständig auf ihre Nachfolgegeneration zu übertragen. Generell hielt er dies im Namen der Freiheit auch nicht für notwendig bis auf eine Ausnahme: Er glaubte, dass der Mensch nicht wüsste, was Geld ist.

Die Utopie geht von einem gegenwärtigen Unbehagen aus und stellt darum an das Reale die Frage, ob das Sichtbare und das damit verbundene Scheinbare in der Lage sind, die gesellschaftliche Wirklichkeit abzubilden. Schon die Frage lässt große Zweifel aufkommen und fordert unmittelbar nach einer unverfälschten historischen Dimension. Unverfälscht, weil auch hier Vorsicht geboten ist, denn nicht überall, wo Historie draufsteht, ist auch Historie drin. Die Historie muss sich auch der Frage stellen, welche Elemente des Daseins von rein kognitiver oder auch genuiner Art sind ( wie z.B. Giralgeld).

 Vor über drei Jahrhunderten hielten Physiokraten - alles Leben kommt aus dem Acker - und Merkantilisten - nur der Handel schafft Sicherheit und Glück - die eigene Anschauung für die lebenswichtigere. Dass hier im Groben ein Unterschied zwischen dem Lebensnotwendigen einerseits und dem Lebenswerten andererseits bestand, erkannten nur wenige. Wir sind heute bei der Einsicht, dies zu unterscheiden, vermutlich noch weiter zurück als die Menschen vor 300 Jahren. So sind die meisten nicht in der Lage, ein Energieunternehmen dem physiokratischen System zuzuordnen und sehen in ihm keine bedeutende Rolle bei der Geldbeschaffung für die Allgemeinheit. In diesen Tagen ging in Frankreich ein großer Prozess gegen ehemals führende Manager des staatlichen Energiekonzerns Elf Aquitaine zu Ende. Sie hatten über eine Milliarde Euro veruntreut und diese Summe in der Schweiz deponiert, die sie für sich selbst und danach für Bestechungen - vornehmlich für korrupte Politiker im europäischen Raum - ausgaben. Doch blieb es in diesem Korruptionsdickicht weitgehend unklar, woher das Geld kam und wohin es floss ( und während dies geschrieben wird (2004), wurde der Verlust von 10 Milliarden Euro - also das 10-fache des vorhergehenden Betrages - bei dem italienischen Lebensmittelkonzern "Parmalat" bekannt gegeben). Die Physiokraten sind aus unserem Denken verschwunden und es herrscht bei uns ein absoluter Merkantilismus mit gigantischen Betrugseinschlüssen (Geldaneignung ohne Ware oder Leistung). Nur leise meldet sich mal ein physiokratisches Stimmchen, das da ruft: "Wir können doch nicht mehr verteilen als wir haben!" Dies nehmen die Generalisten des Merkantilismus zum Anlass im Namen der Gerechtigkeit alles zu plätten, weil der globale Geldstrom, der mit der Sonne innerhalb eines Tages den Erdball umkreist, glatte Landebahnen braucht und alles was dazu im Wege steht, beseitigt werden muss. Sie nennen es Deregulierung. Doch dieser Geldstrom ist eher ein Geldsmog, der gar nicht existieren dürfte und dessen Kontrolle sich man im Namen der Freiheit in Form einer Freiheitsideologie verbietet.

 

In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts konnten viele Menschen in Tokio ihre verstorbenen Angehörigen nicht mehr nach ihren Vorstellungen und Gewohnheiten bestatten, weil in einigen Bezirken dieser Stadt der Quadratmeterpreis bei über einer Million DM lag. Ob als Angehöriger einer Religionsgemeinschaft oder als japanischer Atheist, hier war ein metaphysisches Grundbedürfnis tief getroffen worden. Doch auch in Deutschland bahnen sich im Jahre 2004 ähnliche Verhältnisse an. Durch den Wegfall des Sterbegeldes liegen oft monatelang Verstorbene in Kühlhäusern bis von der Verwaltung herausgefunden ist, welcher Angehörige die nicht niedrigen Bestattungskosten trägt.

 Der Garten des japanischen Kaisers besaß umgerechnet einen höheren Wert als die gesamte Landfläche des US - Staates Kaliforniens einschließlich der Städte Los Angeles und San Franzisko. Diese ungeheuerlichen Wertschätzungen für irgendeinen Quadratmeter wurden von den japanischen Banken zu jener Zeit zu real behaupteten doch in Wirklichkeit fiktiven Wertstellungen umgewandelt. Sie dienten nur dem Zweck, Geld zu machen, um es an interessierte Kreise auszuteilen. Das Ergebnis ist bekannt: Als sich die Wertschätzungen nicht höher treiben ließen, geriet die japanische Wirtschaft in eine Rezession, aus der sie sich bis heute nicht mehr erholte. Der Nikkei - Index sank von 38916 Punkten auf einen Stand von ca.10.000 Punkten. In diesem Bereich schwebt der Index nun schon seit über zwei Jahrzehnten.

Was dieser gefallene Indexwert verschweigt, sind Millionen von Einzelschicksalen, die ihre Zukunft mit diesen Werten verknüpft hatten. In vielen Fällen war es das Geld kleiner Leute, die eine Alterssicherung darin sahen, was hier verschwand. Diese verheerenden Prozesse wiederholen sich ständig an irgendeinem Ort der Welt. (Thailand, Argentinien und wahrscheinlich auch Deutschland) Oder wie von der Weltöffentlichkeit ignoriert in Saudi Arabien, wo 2006 innerhalb von vier Monaten der Aktienindex von seinem Höchststand von 20000 auf 10000 sank (-50%). In Kuwait, ebenfalls von diesem Crash betroffen, wurde sogar – von der Weltöffentlichkeit unbemerkt - das Parlament aufgelöst, um mögliche politische Debatten zu unterbinden. Wer also glaubt, das System besäße Selbstheilungsregularien, ist auf dem Holzwege.

 

In der Geschichte von Limodane und Brutalo geht es ums Geld. Es stellt sich schnell heraus, dass Geld schon in seiner legitimen Form einen Doppelcharakter besitzt, der für Arbeit einerseits und für Tand andererseits steht. Gerade darum taucht sehr rasch die Frage auf, ob Geld in dieser zwielichtigen Erscheinungsform als Indikator zur "Sozialen Gerechtigkeit" dienen kann. Dabei stellt sich schon zu Beginn der Überlegungen heraus, dass für die Zustandsbeschreibung des Geldes in der deutschen Sprache Worte und Begriffe fehlen. Um beispielsweise die Zustände in Argentinien zu beschreiben, - denn dort haben sich die Menschen in ihrer Not eine Art Ersatzgeld geschaffen -, müssen wir uns des englischen Begriffs "Token" bedienen. Doch auch in England hat man keine plausible Beschreibung von der Erscheinung Geld. Dies zeigte die Aktion der britischen Musikkünstler Bill Drummond und Jimmy Cauty, die in den frühen Morgenstunden des 23. August 1994 ihr Geld von umgerechnet 1,5 Millionen Euro auf der schottischen Insel Jum dem Feuer übergaben und von der englischen Öffentlichkeit plausible Erklärungen über die Auswirkungen ihres Handelns erbaten.

Doch es hat sich nichts getan und nichts geändert und es gibt sie immer noch und sterben nicht aus, die hochgewählten politischen Phrasendrescher, die behaupten, dass Geld nicht alles sei, was der Mensch zum Leben braucht. Sie drücken sich darum um die grundlegendsten Fragen, was Geld ist, woher es kommt und wohin es geht. Sie schwafeln von Schulden und vergessen dabei zu erwähnen, dass Geld eine Erscheinungsform von Schuld ist. Ohne Schuld gäbe es kein Geld auf der Welt. Sie, die sich hohe Bezüge genehmigten oder einsammelten, darum eine Mitschuld am Schuldenberg tragen, leben nicht schlecht von diesem Geld und sie predigen jedes Jahr aufs Neue, besonders in ihren Neujahrsansprachen, wie schlecht eine Gesellschaft sei, die sich angeblich jedes - aber auch jedes - nur in Geld umrechnen würde (Herzog). Aber dieser Vorwurf ist etwa so absurd wie der, einem Fisch vorzuwerfen, nicht aus dem schlechten Wasser aussteigen zu wollen, in dem er schwimmt.                       

           Irrgaube und Täuschung         leistungslose Zauberei        

Wer ergebnisorientiert lesen möchte und womöglich unter Zeitdruck steht, sollte sich folgende Abschnitte vornehmen:

 

 

   Die Geschichte von Limodane und Brutalo

 Ein kräftiger, junger Mann - er nannte sich Brutalo - streifte schon einige Jahre durch einen wilden Wald, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Sein Volk war durch eine nicht sichtbare Macht zerstört worden und seine Mutter hatte vage Andeutungen gemacht, dass es die Macht oder eine Unart des Geldes  gewesen sei. Es trieb sie in die Not und aus der Not wurde bei den Menschen Hass. Brutalo lernte das höhnische Gelächter der beschränkten Weltanschauung kennen, das alles, auch ihn, forttrieb. Sie hatten unter sich unsichtbare Zeichen ausgemacht, woran sich diese Gleichgesinnten erkannten und versahen jeden mit einem sichtbaren Zeichen, der nicht zu ihnen gehören sollte. Es entstanden immer mehr Tabus: Nach drei Sätzen saß man in der Falle. Es war keine freie Gesellschaft mehr.

Brutalo flüchtete und war nun allein. Doch einsam fühlte er sich nicht, denn ein alter Wolf hatte sich ihm angeschlossen, wohlwissend, dass die Reste, die von Brutalos Jagd abfielen, ihn ernährten. Eigentlich hätte das Leben der zwei so weiterlaufen können, als Brutalo eines schönen Tages zwei gleiche, kleine Hütten sah, die aus purem Gold waren.

Als Brutalo sich diesen Hütten näherte, träumte er so für sich: "Hier kannst du bleiben. Hier kannst du dich niederlassen. Die Hütten sind wartungslos und unverwüstlich, weil aus Gold." Gold besaß keinen besonderen Wert mehr, weil man davon in weiter Ferne eines Tages genug geraubt oder gefunden und mit riesigen Segelschiffen ins Land gebracht hatte. Schade, dass nun gerade als er so dachte, ein Weib aus einer der Hütten heraustrat, das bei ihm keine sonderlichen Regungen hervorrief. ( Das muss so sein, sonst könnte an dieser Stelle die Geschichte schon ihr Ende finden.)

"Wie schön, ein junger Mann und so kräftig," rief Limodane - denn so hieß das Weib - und freute sich, endlich mal ein menschliches Wesen hier zu sehen. Doch Brutalo war nicht so begeistert, denn er wollte sich fraglos in einer der Hütten niederlassen und ging wahllos auf eine zu. Das Weib freute sich als Brutalo ihre Hütte betrat und machte ihm den Vorschlag mit ihr hier zusammenzuwohnen. Der Wolf hatte sich dem Weib schon zu Füßen gelegt und wärmte sie.

Brutalo gefiel das nicht und verlangte von Limodane in die andere Hütte zu ziehen. "Das ist meine Hütte," erwiderte Limodane, "und wenn du mit mir nicht zusammenleben willst, dann nimm die andere. Ich gebe dir auch ein paar Decken."

Von mein und dein hatte Brutalo in dieser strengen Form noch nie gehört, glaubte aber gesehen zu haben, dass ihn der Wolf schon vorwurfsvoll angeschaut hatte. Darum ließ er sich in der anderen Hütte nieder. In der folgenden Nacht hatte Limodane schlecht geschlafen und ihre Freude über den jungen, kräftigen Mann hatte sich halbiert. Zu gern hätte sie sich etwas anderes von ihm gewünscht.

"Wir müssen einen Vertrag machen!" Mit diesen Worten betrat sie am folgenden Morgen die goldene Hütte in der Brutalo noch schlief. Sie wiederholte den Satz etwas lauter, um ihn zu wecken.

"Vertrag, - Vertrag - was ist ein Vertrag?", fragte Brutalo langsam und noch schlaftrunken. Doch dann dämmerte es in ihm und es fiel ihm ein, dass selbst hartgesottene Anarchisten auf einen Vertrag nicht verzichten wollten.

"Ich will dich hier nicht haben, wenn du mir keine Leistung erbringst. Alles, was du hier siehst, gehört mir und ist mein Eigentum."

"Alles, was du hier siehst Limodane, kann ich dir nehmen!  Eigentum! Eigentum, wo hast du dein Eigentum eigentlich her? - Und ich habe nichts? Du hast soviel, wir können das hier alles gerecht teilen. - Verschwinde!"

 

Gerecht teilen, es gehört doch alles mir, dachte Limodane. Das Gold schien beiden, wie schon erwähnt, nicht wichtig. Es leistete aber wegen seiner Unverwüstlichkeit einen unschätzbaren Dienst. So vergingen einige Wochen, ohne dass die beiden miteinander sprachen. Nur der Wolf wechselte oft die Hütten und fühlte sich wohl. Doch er war es, der eines Tages mit unruhigen Bewegungen Limodanes Hütte aufsuchte. Die Körpersprache des Wolfes verriet ihr, sie möge ihm folgen.

Als sie ihm in Brutalos goldene Behausung folgte, erkannte Limodane sofort, in welcher Gefahr Brutalo schwebte. Im Schweiß gebadet und nicht ansprechbar, lag er da mit hohem Fieber. Er war todkrank und es galt schnell zu handeln. In ihrer Giftküche hatte sie noch ein Mittel gegen den Bazillus, der Brutalo befallen hatte. Brutalo merkte nicht mehr, was um ihn herum geschah und Limodane wachte 7 Tage und 7 Nächte an seinem Bett.

"Was ist geschehen?", fragte Brutalo, als es ihm wieder besser ging. "Du warst krank. Es war ein Bazillus, der dich befallen hatte. In unserer Gegend kennen wir ihn. Jedes Kind wird von ihm früher oder später befallen. Aber für Erwachsene kann er sehr gefährlich werden. - Nun hast du alles überstanden."

"Wie kann ich dir danken?", fragte Brutalo. Aber Limodane antwortete nicht und blieb noch lang schweigend in seiner Nähe.

"Ich habe mir deinen Vorschlag überlegt, Limodane. Ich werde mit dir den Vertrag abschließen", sagte Brutalo als es ihm wieder besser ging.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch.

Doch die Geschichte ist nicht zu Ende, sie fängt nun erst richtig an.

 

 

Gefahren für Limodane und Brutalo durch den schlechten Staat

(oder: Raub des Eigentums mit Hilfe des maschinell produzierten Firlefanzes)

 

Limodane gehörte zum Volk der Kanopries. Im Wald für sich allein gestellt hatte sie mit dem Volk nicht viel zu tun. Das Schicksal war ihr hold und darum konnte sie mit der Natur in Einklang leben. Doch der Vertragsabschluss mit Brutalo zwang sie nun dazu, ihren geliebten Wald zu verlassen, um mit Brutalo nach Kanoprie der Hauptstadt des Landes zu wandern. 

Nach Limodanes Angebot war Brutalo nun bereit, die goldene Hütte in der er wohnte, rechtlich zu erwerben. Sie hatte schon mit ihm darüber gesprochen, was in dem Vertrag stehen sollte. Sie verlangte von Brutalo, dass er ihr zehn Jahre lang jedes Jahr nach dem Laubfall des Waldes das Brennholz ofenfertig vor die Tür stellte. Das konnte Brutalo verstehen. Da war aber noch ein Passus im Vertrag, der ihm nicht so sehr gefiel, um den er aber nicht herumkam. Er musste den gleichen Berg Holz nochmals für den Staat Kanoprien schlagen.

 "Der Staat tritt für die Sicherheit des Vertrages ein. Dafür muss er Beamte bereithalten, die diese Rechtsverhältnisse überwachen und jederzeit eingreifen können. In diesem Falle bin ich es, die diese Sicherung beansprucht und erhält," erklärte Limodane.

"Der Staat, der Staat, der Staat! Welchen Staat meinst du? Rede nicht so ein trockenes Juristenzeug daher! Das verdirbt mir ja die schöne Aufbruchsstimmung," befahl Brutalo.

"Das ist eben so," schloss Limodane die Unterhaltung mit einem kleinen schlechten Gewissen, denn da gab es mal einen absolutistischen Herrscher der rief: “Ich bin der Staat!”

 

Sie machten Proviant fertig und nahmen ihre Rucksäcke und einen Spaten mit. Limodane steckte noch so etwas ein, das wie ein Etui aussah. Brutalo nahm es in die Hand:

"Was ist das, Limodane?"

"Es ist ein Zeittransponder und ein Navigationsgerät. Es muss mal ins Licht gebracht werden, damit es sich wieder auflädt. Spiel daran nicht rum."

"Bin ich ein kleines Kind?"

Brutalo gehorchte nicht und verschwand langsam in eine andere Zeit. Limodane warf ihm noch ein paar Ersatzbatterien hinterher und befahl ihm, die Backtaste zu drücken. Als Brutalo das Gerät öffnete und die alten Batterien herauswarf, blieb das Bild stehen. Limodane weinte und rief ihm hinterher:

"Brutalo ich liebe dich!" Und danach etwas ärgerlich und verzweifelt: "Das geht dich gar nichts an!" Dann noch: "Schrecklich, dieser Name!" Sie wischte sich über ihren Mund, als ob dieser  sich durch dieses Wort beschmutzt hätte.

Das Bild bewegte sich wieder, aber diesmal wie ein Film, der rückwärts lief. Dann war Brutalo wieder da.

"Mann, hast du Glück gehabt."

"Wieso Glück?", fragte Brutalo mit strahlender männlicher Überlegenheit und tat so, als ob er jederzeit die Situation im Griff gehabt hätte.

Limodane verzichtete darauf zu antworten. Nahm sich aber den Transponder vor und stellte eine Verbindung zum Autor per SMS her:

"Was hast du dir mit dem Zeittransponder vorgestellt? Brutalo wäre beinahe im Nichts verschwunden. Können wir das Ding nicht irgendwie sichern? Beeil dich mit einer Antwort!"

Kuss Limodane.

 

Die Antwort kam sofort:

"Sorry, daran hätte ich denken müssen. Aber mit den 6 Ziffern  612566  kannst du das Gerät verschlüsseln." Gruss Har

"Der Satz ist voller sechsen, vier an der Zahl mit der Meta-Sechs. Hat das was mit Sex zu tun?" Kuss Limodane

"In gewisser Weise schon. Aber warum fragst du?" Har

„Hör mal zu, Har! Nicht das du meinst, dass ich was von dir will, aber wenn du schon der Autor bist: Ich sitze hier vollkommen auf dem Trockenen und bei Brutalo regt sich nichts. Kannst du da nicht mal was unternehmen? Ist Brutalo jünger als ich? Gruß Limodane.“

"Bist du eingeschnappt, Limodane?" Har

"Nein, warum?"

"Weil du vom Kuss zum Gruß übergegangen bist." Har

"Mann, bist du eitel, Har! Aber die Antwort fehlt noch."

"Also Brutalo ist genau 431 Tage jünger als du." Har

"Mein Geburtstag ist der 24. Juli, dann ist er Mitte Mai geboren. Har, was ist das für ein Sternzeichen?"

"Stier. - Aber musst du mich danach fragen, Limodane? Du weißt doch, was ich von Astrologie halte," antwortete Har etwas genervt.

Damit war erst einmal Schluss mit den SMSs zum Autor.

 

Sie brachen auf und der Wolf begriff sofort und lief mit. Es war ein langer Weg nach Kanoprie. Limodane und Brutalo hatten darum viel Zeit sich zu unterhalten und einander Fragen zu stellen. Limodane hatte eine Lederschnur mit einigen Muscheln um ihren Hals gelegt und Brutalo hatte solch seltsame Muscheln noch nie gesehen. Das sah schön aus, doch irgendwie hatten diese Muscheln noch einen anderen Sinn. Ein Händler war vor ein paar Tagen bei ihnen vorgefahren und Brutalo hatte gesehen, wie Limodane für zwei dieser Muscheln eine neue Axt bekam.

"Limodane, dein Name hat in meiner Sprache etwas Lustiges an sich."

"Ach ja? Und was ist daran so lustig?"

"Er verbindet zwei Dinge, die nicht zusammenpassen."

"Was für Dinge?"

"Das möchte ich dir nicht sagen. Vielleicht bist du danach traurig."

"Ich will das jetzt wissen. Ich bin keine Mimose!"

"Also! - Limo ist ein süßes Getränk und Dane ist eine Kartoffelsorte."

"Ist das alles? - Und das findest du lustig?"

 

Limodane wurde ernst und schwieg eine Weile und Brutalo, der zunächst über seinen Spaß lachen wollte, fühlte sich unwohl. Dinge, die nicht zusammenpassen und in einem Wort verbunden sind, gab es das überhaupt? - Schon möglich. - War es dann Unsinn oder nur paradox? - Er kannte eine Münze. Sie soll die erste Münze der Römer gewesen sein. Sie stellte deren höchsten Gott Janus mit einem Doppelkopf dar. Sein Heiligtum war zu Friedenszeiten geschlossen, was aber bis zu Christi Geburt nur viermal geschehen sein soll.

 Er wechselte das Thema: "Limodane, wolltest du nie ein Kind?"

"Doch, aber dann habe ich mich entschlossen, allein in den Wald zu gehen. Weißt du, mein Volk ist ein Volk, in dem die Jugend keine Zukunft hat. Arbeit ist Zukunft und für unsere Kinder gibt es keine Arbeit. Das machen Maschinen. Mein Volk hat zwei große, unnötige Kriege geführt und verloren. Der letzte Krieg hat eine geistige Schranke in dieser Vergangenheit errichtet, an der kaum jemand vorbeikommt. Wir sind verflucht uns ständig damit zu beschäftigen. Dabei brauchen wir die Zeit, um die Vergangenheit hinter dieser Vergangenheit zu erkennen. Das Volk hat sich von seiner tieferen Vergangenheit und seinen Philosophen getrennt und taumelt in seinen selbstgeschaffenen Mysterien. Staat und Volk sind Synonyme. Da gibt es keinen Unterschied. Dieses Volk denkt im Hier und Jetzt, was den Typ des A- oder Antihistorikers samt seiner Existentialphilosophie hervorbrachte. Aus dem "kategorischen Imperativ" hat dieses Volk den "absoluten Imperativ" gemacht. Die Synthese fiel - wie beim monopolaren Magneten - in sich auf einen Punkt zusammen, weil das Denken sich den Polen These und Antithese entledigte. Ein Krebsgeschwür wuchs heran: der Globalismus."

"Das mit dem Imperativ musst du mir erklären, Limodane! "

Limodane überlegte einen Moment. "Also, stell dir vor, Brutalo, du stehst in Kanoprie auf einer belebten Kreuzung und es rast ein Mann an dir vorbei und du verfolgst ihn mit deinen Blicken. Dann stehen plötzlich zwei bewaffnete Männer vor dir und fragen dich, in welche Richtung der Mann gelaufen sei. Sagst du ihnen die Wahrheit?"

"Das kommt drauf an."

"Wie, das kommt darauf an? - Sollen sich die beiden ausweisen, dass sie von der Polizei sind?"

"Nein, dafür ist wohl keine Zeit. Bedrohen sie mich zu erschießen?"

"Ja!"

"Dann sage ich Ihnen die Unwahrheit."     

"Gut! - Das entspricht dem kategorischen Imperativ. Du konntest nämlich nicht wissen, was deine Antwort angerichtet hätte. Das war eine Überlegung, die ein Kanoprier nicht angestellt hätte. Er sagt in solchen Situationen, von denen er glaubt, sie könnten ihn einschüchtern oder bedrohen, immer - also absolut - die Wahrheit. Er kennt nur das Hier und Jetzt. Leben fände nur in der Gegenwart statt, behaupten sie. Es ist der Realitätstunnel und der ist immer ahistorisch. Unter den Ahistorikern und Geschichtsfälschern sind die meisten Hetzer und politischen Mörder zu finden. Kleine Kinder werden dafür oft geschlagen, damit sie sehr früh lernen, immer die Wahrheit zu sagen. Aber sie machen einen Unterschied zwischen Wahrheit sagen und wahrlich handeln."

"Aber der, der fortlief war so unsauber und die mit den Waffen hatten feine Anzüge?"

"Das habe ich nicht ins Bild gebracht, Brutalo. Willst du damit sagen, dass der Schmutzige immer ein schlechter Mensch ist?"

"Aber in der Regel...."

"Wenn die Regel immer angewendet werden könnte, dann brauchten wir nicht so etwas Nachdenkliches wie den Kategorischen Imperativ."

In diesem Augenblick meldete sich Har über den Transponder. Er hatte diese Diskussion wohl belauscht und meinte: „Das mit dem kategorischen Imperativ müsst ihr noch einmal nachlesen, denn für Kant war eine Lüge immer ein Unrecht. Nach Kant hat selbst ein potentieller Mörder Anspruch darauf, eine richtige Antwort über den Aufenthaltsort des Opfers zu erhalten.“ 

„???“

"Du sagtest noch etwas von einem Ahistoriker, Limodane. Eine ungewöhnliche Wortschöpfung."

"Ja, es gibt eine Menge Zeitgenossen, die den verkürzten Blick in die Vergangenheit propagieren oder ihn auch vollkommen ablehnen. Sie Fragen nicht danach, dass selbst Begriffe eine gewisse Zeit benötigen, um sich zu bilden. Es ist entweder Dummheit oder Skrupellosigkeit, die hier mitspielt. Oft hast du es mit einer zweckgebundenen Scheinbildung zu tun, die selbst den Professorenstand befallen hat. Nicht selten berufen sich diese Leute auf den Realitätsstatus. Aber sie sind mit ihrer Existentialphilosophie noch nicht einmal in der Lage, auch nur annähernd das wirklichste aller Mittel - nämlich die Existenz von Geld - dem Wesen nach zu erklären. Für sie ist es nur wichtig, dass für sie davon genug da ist. Besonders die kanoprischen Politiker bedienen sich, nehmen, was sie können, kennen bei der Verteilung nicht einmal die einfachste Relationen, wie Viel und Wenig. Deshalb stehen sie in ihrer Moral weit hinter den Piraten. Für den Piratenkapitän galt die Relation, dass er sich von der Beute nur das Eineinhalbfache des Teils nehmen durfte, die ein Mannschaftsteil erhielt. Fast jeder Autor und Schriftsteller macht um diese Frage einen großen Bogen. Ihr Gedankenmaterial beziehen sie lieber aus Mythos, Metaphysik, Esoterik und Astrologie. Alles anerkannte Wissenschaften aus dem Altertum und wenn du so willst, Brutalo, ein willkürlicher Teil der Geschichte."

"Wie interpretierst du denn Realität, Limodane?"

"Realität ist ein Korrelat und ohne Blick in die Vergangenheit, um daraus eine Vorhersage für die Zukunft zu gewinnen , nicht denkbar. Aber um einen "Blick zurück" für eine Vorhersage drücken sich die meisten, die das Wort Realität in den Mund nehmen. Oder sie präsentieren Zuckerstückchen der Geschichte. Der Antihistoriker betreibt dies aber mit einer Methode, bei der die Ablehnung der Geschichte oberstes Ziel ist. Er erfindet Dinge und betrachtet sie als zeitlos, wie z.B. “Es sei nicht von Gott gewollt, die Menschen gleichzumachen.”(A.M.) Er hält es noch nicht einmal für nötig, ob das richtig ist, was er/sie daher schwätzt. Meistens bleibt er an einer großen Figur der Weltgeschichte hängen, um sie als Größe oder Popanz hinzustellen. Das geht nach der Devise: Groß Freund oder viel Feind, viel Ehr! - Auf diese Weise versteckt der A- und der Antihistoriker seinen Größenwahn und bildet sich ein, er würde von der Welt bewundert, wenn er nicht schon auf dem Wege ist, sie zu regieren." 

Sie schwiegen eine Weile.

 

"Limodane, du sagst, die Maschinen arbeiten."

"Nein, das habe ich nicht gesagt. Die Maschinen machen nur."

"Wo liegt denn der Unterschied zwischen machen und arbeiten?"

Limodane schwieg einen Moment, dann fuhr sie fort:

"Alles, was der Mensch herstellt, das bewertet er. Auch wenn es nur sein Stolz allein ist, mit dem er es bewertet. Stolz ist vielleicht sehr wichtig. Aber da ist etwas, was noch wichtiger ist. Wenn auch nur ein Mensch irgendetwas für seinen Besitz ausgibt, dann erst dann besteht die Aussicht, dass es auch ein anderer Mensch als Wert ansieht und dies Etwas haben will."

"Und die Maschine?"

"Sie kann nichts aber auch gar nichts bewerten und sie hat keine Seele und keinen Stolz. Sie will auch nichts haben. Sie interessiert sich weder für sich selbst, noch interessiert sie sich für ihre Produkte."

"Dann macht die Maschine also nur Sachen, die nichts wert sind?"

"Ja, - aber sagen wir es etwas anders. Die Maschine macht Sachen, die sie selbst nicht braucht und nicht kaufen will, denn die Maschine besitzt keinen Willen."

"Das macht der Mensch in der Manufaktur auch."

"Brutalo! Rede nicht schneller als du denken kannst. Der Mensch besitzt immerhin noch einen Willen."

Darüber musste Brutalo erst einmal nachdenken und darum gingen sie eine zeitlang schweigend in Richtung Kanoprie. Der Wolf lief mit und interessierte sich für die Düfte am Wegesrand, um hier und dort ein Bein zu heben. Brutalo summte leise ein Liedchen, das er gerade gedichtet hatte und das Limodane nicht hören sollte: "Willi hin, Willi her. Rundherum das ist nicht schwer." Das brauchte er als Ausgleich für das "Schneller Reden" und irgendwie sah er das mit dem “freien Willen” etwas anders; konnte oder wollte sich darüber jetzt nicht äußern.

 

 

     Die Vulgärmonisten oder vom Tode der Dialektik

Die Kanoprier  waren in ihrer Mehrheit zu Vulgärmonisten geworden und glaubten, wie die Monisten, dass jede Erscheinung auf ein einziges Prinzip zurückzuführen sei. In Kanopri glaubte man an Geld und darum galt der Monetarismus als die alleinige Lehre mit der die Welt erklärt wurde. Im Grunde war an der Einstellung eines Monisten nichts auszusetzen. Sie stellten sich offenen Fragen und versuchten diesen eine Antwort zu geben. Die Vulgärmonisten vereinfachten diese Philosophie jedoch so stark, dass am Ende beliebig viele einspurige monokausale Prinzipien auf der geistigen Bühne erschienen. Damit die Erwägung anderer Prinzipien unmöglich wurde, bildeten sie Gruppen oder Parteien, die in ihren Satzungen den Prinzipienzwang festschrieben.

Solchen Eklektizismus betrieben besonders die Realpolitiker, die stets offen ließen, aus welchen Gebieten sie ihre Erkenntnisse zum politischen Handeln bezogen. So fehlte diesem Handeln in der Regel jede durchgängige historische Dimension. Einer redete von individueller Freiheit und schimpfte auf den Sozialismus, merkte aber nicht, dass er das Freiheitsideal von Karl Marx benutzte.  "Wenn alle sich beschweren, dann ist das Werk gut gelungen !" So der Ausspruch einer Parteiführerin auf dem Weg zur geistigen Schwerelosigkeit (Ngl Mrkl 2003-07-22). Sie war es, die den Volkwirtschaftler HK zum Bundespräsidenten machte, der mit dem Finanzminister TW 1994 ein unerklärliches Haushaltsloch von über 350 000 000 000DM (350Milliarden) hatte. Ihre Freunde wunderten sich, dass sie niemanden auf ihren geistigen Reisen mitnahm. Sie erkannten zu spät, dass diese Frau ihren Legitimitätsanspruch für Oberhäupter in eklektizistischer Manier aus dem neunten Jahrhundert abgeleitet hatte. Der Lebenslauf eines Montesquieu war ihr scheinbar unbekannt, denn der wusste, wenn man vom Tuten und Blasen eine Ahnung haben wollte, dass davor das Üben lag.

 „Natürlich ändert sich die Welt um uns herum,“ so der Präsident eines Verbandes in seinem Cliquenjargon mit dem er sich in dieses Präsidentenamt reden konnte. Als Freiheit galt für diese Clique die organisierte Begriffslosigkeit. Reden ohne was zu sagen, galt als oberstes Gebot.

Der Liberalismus verfiel in seine schwerste Krise als von ihm aus behauptet wurde, es gäbe zwar viele Gesellschaftssysteme, aber nur eine offene Gesellschaft, die das Ende der Geschichte darstelle. Ohne es zu wissen, denn auch das gehört zum Unhistorischen, waren viele von ihnen verkappte Anarchisten mit ihrem Schlachtruf: “Wir brauchen keine Regeln, denn es regelt sich alles von selbst!” Als sie dann auszogen, die offene Gesellschaft zu schaffen, landeten sie mit dieser paradiesischen Vorstellung in der Spaßgesellschaft mit  hochgesicherten Ghettos für die Reichen .

 

Ein anderer Realpolitiker, diesmal als Führer der Regierung(G.S.), bediente sich des Wahlspruches: "Mit Hegel locken, mit Nietzsche kloppen." Als Eklektiker verwechselte er das Historische mit dem Traditionellen und verwandelte auf der sprachlichen Ebene seine politischen Gegner zu Trachtenvereinsführern, wie die ihm ungeliebten Führer der Gewerkschaften. Es galt nur zu unterscheiden zwischen Traditionalisten und Reformern. Die ihm Wohlgesinnten nannte er Reformer. Bei diesen Differenzierungsschwächen hätte sich selbst ein Adolf Hitler mit dem Etikett "Reformer" schmücken können. „Es gibt kein Recht auf Faulheit“, machte einen guten Namen zum Programm und verordnete Hartz 4. Er hatte nie gelernt, denn da war er noch nicht geboren, dass schon 70 Jahre zuvor seine Lebensauffassung zur edelfaschistischen Weltanschauung zählte. Nach Hegel liegt nur im Ganzen das Wahre. Für Eklektiker, die auch zum Minimalismus neigen, reichte es, sich von einem Folterer versprechen zu lassen, nicht mehr zu Foltern, um ihm Menschen auszuliefern.

Als die Eklektiker die Kommunisten als besiegt glaubten, kam auch ihr Feindbild abhanden. Ohne dies wurden sie schnell allgemeingefährlich, denn ihr geistiges Rüstzeug zerfiel in einen solch wirren Zustand, dass sie sich von nun ab gegenseitig des Kommunismus verdächtigten. Um der Verdächtigung zu entgehen, musste ein Bekenntnis ausgegraben werden, dessen Pflichten sie dachten, meiden zu können, von dem sie getreu ihres Eklektizismus aber glaubten, dass der Schein des Guten auf sie fiele, damit sie stolz sein durften. Es nannte sich Patriotismus. Sie brauchten nur die Worthülse nicht den Inhalt, der eigentlich zum Stolz berechtigte. Wahrer Stolz besteht aber aus erfüllten Pflichten und das, was darüber hinausgeht. Aber diesen Preis wollte kaum einer zahlen, warum die Saturierten nur zart flüsterten: “Ich liebe mein Land.“ Denn sie hatten nur genommen aber nichts gegeben. Patriotismus (lat.), Vaterlandsliebe und zwar nicht allein die Liebe zu Land und Volke, dem man durch die Geburt angehört, sondern zugleich die Gesinnung, vermöge welche der Einzelne sein Privatinteresse sich dem des Ganzen unterzuordnen sich bewogen findet. (Ein altes Lexikon)

 

 Realpolitiker nehmen für sich in Anspruch, dass nur sie allein im Stande sind, richtig zu denken. Dies impliziert ihr Wort vom "Neuen Denken". Wobei „neu“ im affektiven Reflex an die Warenwelt sofort als „gut, besser oder am besten“ gedacht wird, ohne sich der schizophrenen geistigen Lage bewusst zu sein, in der sie steckten, wenn sie gegen den Materialismus Gift und Galle spukten. Während sich die Realisten früherer Zeiten noch gewaltig gegen die Eschatologen wehrten, sind viele der heutigen Realpolitiker damit auf das Engste verbunden und damit sie ihre Politik realisieren können, fordern sie den „Neuen Bürger“ oder die „Neue Bürgerlichkeit“ mit dem oder in der die verlorene Freiheit des Standesmäßigen zurückgeholt werden soll. Kein Gedanke darüber, dass diese Freiheit an GmbHs oder Aktiengesellschaften schon lange zuvor abgegeben wurde. Kein Gedanke darüber, dass der technische Fortschritt stets nach größeren Einheiten verlangte und aus einem Volk von Unternehmern ein Volk von Angestellten machte, wozu schließlich auch die Manager zählten. Technischer Fortschritt bedeutet darum in letzter Konsequenz immer auch Ausweitung der Bürokratie. Wer über Bürokratieabbau redet und dies nicht im Auge hat, weiß nicht, wovon er redet: Neue Bürger und Neue Bürgerlichkeit setzt dem nichts entgegen.

 

Ihr Nachbarvolk, die Palaver, sind anders und spotten über die Kanoprier, weil ihnen ihr allgemeines Wissen sagt, dass den Realisten in Kanoprien im "Neuen Denken" nur ein kleines Licht aufgegangen ist. Gleich der Idee eines nächtlich Betrunkenen, bedienen sich die Realisten des Lichtes, in dem sie glauben, den verlorengegangenen Haustürschlüssel nur unter den Laternen zu finden. Sie sehen das vorhandene Licht nicht als erste sondern als die alleinige Lösungsmöglichkeit an. Realisten begnügen sich mit Beschreibungen und fordern selten Erklärungen. Darum eignen sie besonders als Befehlsempfänger.

Dieses Licht als "Neues Denken" auszugeben, grenzt in Palavien schon an Irrsinn oder Größenwahn. Ein kanoprischer Realpolitiker (MG) hat einmal gespottet: "Der Rückblick auf Gestern ist Politarchäologie. Das Zeitlose benötige keine Erfahrung." Er war der Ansicht, das alle Werte, die die Zukunft benötigt, wenn sie nicht von der Religion her schon festliegen, aus sich selbst heraus oder dem Realen geschaffen werden müssen. Aber schon lange vor ihm wusste man: Der Realismus ist die bloße Ideologie des Bestehenden.

Doch dieser Spott des Politikers hatte eine üble Kehrseite. Unter der verdunkelten Vergangenheit, die nur mit Irrlichtern beleuchtet wird, wehen die Fähnchen von einer gefährlichen Freiheit oder Liberalität. Die Realiter schreckten nicht vor Aktenvernichtungen zurück, wenn die Vergangenheit ihre gegenwärtigen Absichten störte. Ein Fall mag für viele stehen: Die Realiter verkauften Talsperren an Investoren. Um denen aber den höchstmöglichsten Profit bei der Stromerzeugung zu sichern, mussten die Talsperren entgegen ihres satzungsmäßigen Zustandes randvoll von Wasser sein. Dieser randvolle Zustand vertrug sich aber nicht mit der eigentlichen Aufgabe des Gemeineigentums Talsperre, nämlich der Bevölkerung als Hochwasserschutz zu dienen. Die alten Satzungen mussten verschwinden, die dies belegten, denn eine Satzungsänderung wäre zu auffällig gewesen. So geschah es dann auch und kein Verantwortungsträger ließ sich von der aufgebrachten Öffentlichkeit dazu herab, den Hochwasserschutz als vorderste Aufgabe zur Auflage an den Investor weiterzugeben. So nahte schneller heran, was kommen musste: Die Flut kam und konnte nicht aufgefangen werden. Menschen gerieten in Lebensgefahr, verloren Hab und Gut und wurden obdachlos. Ganze Dörfer und Städte versanken in der Flut und wurden verheerend zugerichtet. Der Schnee kam und marode Hallendächer brachen ein und töteten Menschen. Öffentliche Gelder wurden anstatt damit zuvor die Dächer zu pflegen, offensichtlich in private Konkurrenzprojekte gesteckt. Gegen den Profit rächte sich die  Wirklichkeit auf  ihre eigene Art: Sie kennt nämlich die Gesetze des Zerfalls und des Zufalls.

 

In Kanoprien konnte man Recht und Gerechtigkeit opportun trennen und wenn die Vergangenheit störte, wurde sie beseitigt. Ihnen war sehr wohl bewusst, dass man nicht jedes Geschehen in Worte fassen konnte. Aber sie nutzten diese Lücken nicht, um eine ausgleichende Gerechtigkeit zu schaffen, vielmehr verfeinerten sie damit ihre Rabulistik, die in ihrer höchsten Ausprägung zur Berufskrankheit von Juristen und Politikern wurde. Sophistisch und strahlend verkündete die Politikerin A.M.: „Man kann ja die Wahrheit sagen, ich muss trotzdem nicht alles sagen, was ich weiß“ (frei nach Machiavelli I). Wenn man den Leuten auch viel Dummheit unterstellen mag, dieser Satz gehört nicht dazu und weist nur in eine Richtung: der Wille zur Macht um jeden Preis. Später sollte sich auf diesen Satz noch ein Bundespräsident berufen. Sie beriefen sich auf keine vom Volk bestimmte Verfassung, obwohl sie dem Volk versprochen war und sie hielten sich trotzdem für Demokraten. Diejenigen, die dies reklamieren wollten, verleumdeten sie als Rechtsradikale (frei nach Machiavelli II).

 

In Palavien aber wäre so eine Sache vor das höchste Gericht gewandert. Sie hatten anders als die Kanopries eine Revolution hinter sich gebracht. Seit dem galt der vom Volk bestimmte Grundsatz, dass man sich wenigstens vor dem gesunden Menschenverstand zu verantworten hatte. Fragte man einen Palaver, was ein Realist sei, so kam nicht selten die etwas spöttische Antwort, es seien Menschen, die nur zum Blumenpflücken etwas taugen. Dem Realisten fehle eben die Zeitdimension in die Vergangenheit, um damit die Zukunft zu erblicken. Er sei festgenagelt auf den Punkt der Gegenwart. Darum kann er keine Utopie entwickeln und müsse sie hassen.

 

In den Religionen erstarrte die Liturgie zur Bigotterie. An den nacktgeborenen Menschen wollten sich die Selbstgütigen und die Vertreter der "Neuen Frömmigkeit" nicht erinnern, obwohl ihnen der nackte Leib Jesu Christi die Entrechtung eines Menschen das vor Augen führte. Der Mensch musste bekleidet sein, damit sie ihm die Menschenwürde zusprechen konnten. Erst bekleidet konnte er nach ihrem Glauben die Würde des Raumes wahren, den sie als heilig betrachteten. Nackte Frauen an Nähmaschinen wollten sie in ihren Räumen nicht sehen. Sie wollten es nirgendwo sehen und verunglimpften dies als Pornographie.

Sie wollten weder wissen, woher das tägliche Brot kam, noch sollte ihnen dies jemand erklären dürfen. Atheisten waren für sie armselige Kreaturen. Doch noch eine größere Feindschaft besaßen sie denen gegenüber, die nur nicht an den Teufel glauben wollten. Diese hassten sie und setzen sie mit potentiellen Mördern gleich.

 

Alle Vulgärmonisten hatten Schwierigkeiten beispielsweise in der Egalität einen für sich brauchbaren Wert zu erkennen und setzten lieber auf Einigkeit. Wer nicht zu ihnen gehören wollte, der konnte ja draußen bleiben. Egalität, das waren mindestens zwei unterschiedliche Dinge, die gleich sein sollten. Das widersprach ihrem Verständnis von Einigkeit. Die Dinge mussten immer auf einer Linie stehen. Einigkeit, das war für sie eine warme Kiste und Egalität eine Waage, auf der man schwindelig wurde. "Ich zweifle, also bin ich!", mit diesem Ausspruch eines Palavers konnten die Kanopries nichts anfangen. Der Satz konnte zu keinem Ergebnis führen und ließ nach ihrer Meinung die Wahrheit in der Ferne verschwinden. Als Minimalisten und Eklektiker wandelten sie diesen Satz um in: "Ich denke, also bin ich!" Sie nannten sich darum auch Individualisten.

Einigkeit fanden sie gut, das erforderte höchstens eine Entscheidung und das war in der Regel die des Ausschlusses. Egalität bedeutete dagegen, die Dinge im Gleichgewicht halten und das erforderte Kraft zu Entscheidungen immer und zu jeder Zeit. Kein Wunder, dass die Indifferenz eine typische Charaktereigenschaft der Kanoprier war. Egalität, darauf schworen die Palaver und zu denen musste man sich irgendwie unterscheiden. Doch auch die Palaver hatten ihre Vulgärmonisten, die sogar feststellten, dass Eigentum Diebstahl sei.

Limodane kannte diese Gruppe und hatte zunächst geglaubt, Brutalo sei einer von diesen monistischen Palavern. Er hatte sich doch beklagt und ihr vorgeschlagen, ihr Eigentum mit ihm gerecht zu teilen. Aber da er nun mit ihr nach Kanoprie wanderte und mit ihr einen Vertrag abschließen wollte, konnte sein Denken nicht so anarchistisch sein, dass er in ihr eine Diebin sah.

 

"Du hast einen ungewöhnlichen Namen, Brutalo. Haben dir den deine Eltern gegeben?"

"Nein, den habe ich mir selbst gegeben. Aber das ist eine lange Geschichte."

"Willst du mir diese Geschichte erzählen?"

"Nein, noch nicht."

"Hat er eine Bedeutung, dein Name?"

"Ich glaube ja. Er bedeutet "Der Starke". Warum fragst du?"

"Der Starke", - das finde ich gut. In unserer Sprache bedeutet das so etwa wie 'Der Gewalttätige'. Also, das klingt bei uns nicht so gut."

“ Das haben Sprachen so an sich. Auf sie kann man sich nicht völlig verlassen und ein Wort, was für mich wohlklingend ist und eine angenehme Bedeutung hat, kann anderswo Ekel und Abscheu erzeugen. “

Die Kanopries  bekannten sich zum Pluralismus, wenn die Denkrichtung eine monistische Prägung aufwies. Der Einheit wegen haben sie eine Sprachkunst entwickelt, in denen sie alles, was zur Einheit passte, verähnelten. Die Methode des Verähnelns diente dazu, den Widerspruch, den sie unerträglich fanden, in den meisten Fällen auszuschließen. Widerspruch war das fürchterlichste Gespenst, das der Einheit widerfahren konnte. Ideale mussten miteinander harmonisieren. Dass Ideale auch miteinander konkurrieren können, das war den Kanopries zuwider. Ihr Harmoniebedürfnis war so stark ausgeprägt, dass es den meisten in Kanoprie ein Gräuel war, über Antagonismen nachzudenken, geschweige ihr Vorhandensein in der Welt zur Kenntnis zu nehmen. Dass Geld aus diesem Stoff war, entging ihnen. Für sie reichte darum die einfache Annahme aus, dass Geld da ist und das in alle Ewigkeit. Aber nur der Antagonismus konnte es auch aufzeigen, wie Geld ohne eine Spur zu hinterlassen, auch wieder verschwinden konnte.

 

Ihre Physiker an den Universitäten hatten Schwierigkeiten, die Formeigenschaften eines Würfels und einer Kugel miteinander zu vergleichen. Der Würfel hat Kanten. Über deren Anzahl wollte man sich nicht streiten. Doch war man sich einig, je weniger, desto besser. Wichtiger für sie war die Lehrmeinung, dass die Kugel keine sichtbaren Kanten aufwies oder wenn Kanten, dann eben unendlich kleine und viele. Ging man aber zu den Formeigenschaften über, stellte man auf einer schrägen Ebene fest, dass die Kugel rollte, der Würfel aber in seiner Position verharrte. Für die kanoprischen Wissenschaftler ein unlösbares Rätsel, denn man konnte es nur sehen und feststellen aber nicht begründen, warum die zwei Formen sich so unterschiedlich verhielten. Nach ihrer Philosophie hätte man den Würfel auf eine Kante reduzieren dürfen. Das hätte zumindest ähnliche Eigenschaften wie bei der Kugel hervorbringen müssen  Es gelang aber nicht, die Einheit des Verhaltens zwischen Kugel und Würfel auf der schrägen Ebene herzustellen, weil sie zwischen viel und wenig und zwischen Groß und Klein keine Wesensunterschiede bemerkten. Darum kriegte man entweder den Würfel nicht ins Rollen oder die Kugel blieb nicht liegen. Egal! - Oder, doch nicht ganz egal, denn es lag ihnen mehr daran die Kugel im Stillstand zu halten als den Würfel ins Rollen zu bringen. Die flinke, dynamische Kugel entzog sich beständig ihren Beobachtungsorten, womit Aussagen, die einer erwarteten Statik entsprachen, für sie vollkommen unmöglich wurden. Darum entschloss man sich, den Versuch im Weltraum zu wiederholen. Man war sich sicher, dass es dort irgendwie klappen musste, die Kugel dem Würfel hinsichtlich seiner Ruhelage anzugleichen oder umgekehrt. Egal!

 

Die kanoprischen Bauern waren auf dem Gebiet von Wesensunterschieden den Wissenschaftlern weit voraus. Sie hatten bemerkt, dass auf dem Acker zu kleine Räder nichts taugten und die großen auf ihren Wegen an ihre Grenzen stießen als die Wissenschaft noch über Räder nachdachten, die auf keine Straße mehr passten. Die Wissenschaftler nannten es Grundlagenforschung, merkten aber nicht, dass die Gründe fehlten oder keine gesucht wurden. Kennzeichnend für den Zustand in ihren Reihen war das Beispiel eines Musikologen, der weder ein Instrument beherrschte noch ein Lied singen konnte, aber mit seinen unnötigen Wortkünsten eine Menge Geld verdiente. Ein kanoprischer Philosoph musste auswandern, nachdem er behauptet hatte, dass man durch Sprache den Verstand verhexen könne.

 

Da waren die Palaver anders. Die hatten sich einen Tisch gebaut, in dem sich eine supergenaue Radschale in einer absoluten Waagerechten drehte. Dort warfen sie eine Elfenbeinkugel hinein, um Gesetzmäßigkeiten des Zufalls zu erforschen. Die Kanoprier waren sehr erfreut, als sie diesen Tisch bekamen. Aber statt daran ihre mathematischen Kenntnisse zu erweitern, zogen sie es vor, damit ausländische Fürsten auszuplündern. Manche Historiker behaupten, dass das in dem entsprechenden Land zu einer Revolution geführt habe. 

 

Es gab urkomische Sachen in Kanoprien. Das Staatspatentamt der Kanoprier hatte beispielsweise die Patentverleihung auf ein Sprungtuch verweigert, weil dort jeder in eine andere Richtung ziehen musste. Das widersprach ihrer Mediations - und Konsenslehre. Die Beamten des Patentamtes hatten dem Erfinder zwar bestätigt, dass dieses Tuch in einer anderen Welt geeignet sei, Leben zu retten. Doch in Kanoprien sei es unmöglich, sich in einem Kreis aufzustellen, damit jeder mit nötiger Kraft in eine andere Richtung ziehe.

 

Im Monopolismus und Globalismus - typische, vulgärmonistische Formen von Einheit und Ausschluss - sahen die Kanoprier für sich reale Wirtschaftsformen, mit denen sie die Ziele ihres metaphysischen Denkens verwirklichen konnten. Den größten Einfluss in der Politik hatten die Globalisten, von denen die allermeisten sich widersinnigerweise als Patrioten ausgaben. Sie hatten sehr viel Geld, mit denen sie Politiker in deren Meinungsbildung unterstützten. Selbst einfach geputzte Lichter erhielten den Glanz von Globalpolitikern. In vielen anderen Staaten galt so etwas schon als Bestechung, nicht aber in Kanoprien.

 

Diese Globalisten waren den Beweis angetreten, dass Staaten wie große Firmen geleitet werden könnten. Den nötigen und unüberbrückbaren Dualismus zwischen Betriebswirtschaftslehre und Nationalökonomie vereinigten sie zur Globalökonomie in der sie die wackligen Erkenntnisse der neuntagealten Chaostheorie verbrieten. Globalökonomie,  eine Lehre, die an keiner Stelle des Globus öffentlich gelehrt wurde. So etwas kam aus firmeneigenen Schulungszentren für die Managerausbildung. Globalökonomie - eine Wortzusammenstellung, die einem Palaver  wegen ihrer Grenzenlosigkeit und Undenkbarkeit absurd erschien und zum Lachen reizte.

 

Bei den Wissenschaftlern Kanopriens und ihren aufgesessenen Apologeten trieb der Vulgärmonismus seine Blüten. Der Gruppenzwang war so vehement, dass sie sich einbildeten, kurz vor der Erfindung des monopolaren Magneten zu sein. Sie leugneten - wie die Gutmenschen in jeder Gesellschaft - das Antagonistische in jeglicher Form. Die größten Vulgärmonisten waren auch Generalisten. Ihnen ging es immer um das Ganze und einem klaren, blitzlogischen Wertekanon, den sie mit einem albrechtschen Grinsen verbreiten ließen. Weil ihnen die Magister schon gelehrt hatten, dass alles Denken im Unbegründbarem endet, nahmen sie dies wörtlich und sortierten ihre Welt sofort eigenmächtig nach Gut und Böse. Was die Magister nicht explizit gesagt hatten, brauchten sie auch nicht durch eignes Denken zu entwickeln. Sie kannten keine geistigen Konsequenzen der folgenden Art: Weil das Individuum nur Teil eines Ganzen ist, kann es das Ganze auch nicht erfassen. Aussagen, die über das Ganze gemacht werden, sind immer nur metaphysisch. Gefährlich wird es dann, wenn diese Apologeten des Ganzen aus ihren Glaubensvorstellungen mit den Worten ausbrechen: „Da hilft kein Beten mehr.“ Dann fühlen sie sich als Ganzes und schwimmen auf der Woge ihrer Bestseller und empfehlen dort die unbegründete, aber auch schreckliche Tat.

 

Die Naturwissenschaften waren in Kanoprien nicht so wichtig. Viel wichtiger waren für sie die Geisteswissenschaften mit ihren Geistesfreiheiten, die den strengen Naturwissenschaften zu schaffen machten. Denn zu den Freiheiten des Geistes gehörte auch jede Art des Blödsinnes, der unter das Volk gebracht wurde. Meinungsumfragen waren das Gebiet, das sie überwiegend schon für sich vereinnahmt hatten. Die Fragen sahen auch dementsprechend aus.      

Diese Fragen mussten für das Volk naturgemäß einfach gehalten werden. Meistens in einer Dreieraufstellung in der Art: "Was glauben Sie, wird der monopolare Magnet die Energiekosten um 25, 50 oder 75 Prozent senken?"

Statt der zusätzlichen Antwortmöglichkeit "Alles Blödsinn" gab es immer nur "Weiß nicht" dazu und wer so antworten musste, kam sich immer ziemlich blöd vor. Ihre Staatsform war eine formale Demokratie. Frei, egal, sozial galten als unverbundener Wertersatz in adjektivistischer Form. Die Adjektive standen frei nebeneinander und wiesen keine geistige Bindung zueinander auf. Kanopries glaubten aber, es hätte  eine Ähnlichkeit mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Sie konnten aber nicht so ohne weiteres übernommen werden, weil diese Werte von den Palavern kamen und dort nur in einer Korrelation in einem geistigen Gerüst gedacht werden konnten. "Kann es Freiheit geben, wo Worte so nah aneinander gebunden sind", war eine ihrer listigsten Fragen, die sie mit königlichen und fürstlichen Pressen verbreiten ließen. Die Pressefreiheit stand eben nur den Pressezaren zu. 

 

Darum konnte bei den Kanopries jeder Wert für sich genommen und für die Macht interpretiert werden. Das führte zu der Erscheinung dieses seltsamen Pluralismus der in Kanoprien herrschte. Der Staat, das war ihnen allen nicht egal, - obwohl sie über das Existenzrecht eines Staates keine Gedanken verloren -, war für das Soziale verantwortlich. Aber das nur notdürftig, damit Freiheit und Indifferenz nicht in Gefahr gerieten. Menschen, die in Not gerieten, nannten selbst Gewerkschaftler in Kanoprien sozialschwach. In anderen Staaten wunderte man sich über diese Art von Diskriminierung und vermerkte hinter der vorgehaltenen Hand, dass wohl der kanoprische Staat sozialschwach sei.

 

Als höchstes Gut ihrer Rechtssicherheit betrachteten sie ihr Ritual zur Meinungsumfrage. Die Rechtsbildung glaubten sie durch Meinungsumfragen erstellen zu können. Die Meinung war wichtiger als die Logik und konnte folglich nicht durch Tatsachen erschüttert werden. Selbst das Steuerrecht musste anschauungsgemäß (manche sagen auch: der Ideologie folgend) mit diesem Instrument erstellt werden. Das führte zum undurchsichtigsten Steuersystem der Welt mit solch einer Vorschriftenmenge, dass selbst der Rest der Welt nichts Vergleichbares entgegenstellen konnte. Es versteht sich fast von selbst, dass die Kanoprier auch auf diesen Negativrekord stolz waren.

 

Die Juristen waren allgemein und nicht nur im Steuerrecht überfordert. Sie hatten die Fähigkeit verloren zwischen Ware - von der Wahrheit ganz zu schweigen - und Eigentum zu unterscheiden. Die Folge war, dass ein Geschädigter froh sein konnte, wenn er die Hälfte des eigentlichen Wertes ersetzt bekam. So wurden Grundstücke verkauft die einem nicht gehörten, Gebrauchtfahrzeuge erheblich unterschätzt und Körperschädigungen auf den Gesundheitszustand eines absolut gesunden Menschen reflektiert: „Ein alter Knochen wäre auch so bald gebrochen! Der Schädiger braucht nicht zahlen“

Staatsanwälte konnten keine Grenze zwischen Betrug und Geschäftsrisiko finden. Die Folge war, dass hunderttausend Kleinanlegern kein Recht zugesprochen wurde und die Betrüger auf freiem Fuße blieben. Versicherungspolicen mutierten zu Papieren eines modernen Ablasshandels. Alles nur Denkbare wurde versichert. Chefbanker hatten vom Geld so viel Ahnung wie eine Kuh vom Sonntag. Den Gerichten mit ihren Schöffen ging es nicht anders. Statt selbst zu entscheiden, beriefen sich die Gerichte auf Gutachter. Die Juristen hielten es für eine philosophische Frage zwischen Rechtsänderung und Rechtsfehler zu unterscheiden. Die Folge war, dass ein Kläger sein Recht verlor, weil im Laufe des Klageverfahrens sich eine Rechtsänderung vollzog. Gerichte unterschieden nicht mehr zwischen Statistik und Einzelfall. Die Folge war, dass sie sich einbildeten, es gäbe eine Reversibilität zwischen Statistik und Einzelfall. So glaubten sie, Krankheitsverläufe an den Lebensbedingungen einzelner Personen vorhersagen zu können. Firmen sollten auf Grund dieser erhöhten Wahrscheinlichkeit die Möglichkeit zur Kündigung eines Mitarbeiters erhalten, obwohl dieser noch nie krank gewesen war. Pharmafirmen entwickelten Medikamente für Krankheiten, die es noch nicht gab, um sich Patentrechte zu sichern.

 

Auf ihren Universitäten wurde "Demokratische Mathematik" gelehrt. In Prüfungen wurden Aufgaben gestellt, die auf einem Bogen mehrere Möglichkeiten zur Antwort offen ließ. Es kam oft vor, dass unter den vorgegebenen  Antwortmöglichkeiten objektiv keine richtige Antwort vorhanden war. Egal! Wer mit seinen Antworten bei der Mehrheit lag, hatte bestanden.

"Objektiv - was ist schon objektiv?" - Das war eine der Fragen, über die in Kanoprien jene Einigkeit bestand, sie offen zu lassen. Die Politiker ließen es sogar offen, wie viel Nullen eine Billion hat. Sie glaubten tatsächlich durch diese Ignoranz der Schuldenfalle des Staates zu entkommen.

 

Der Kartoffelstaat

( oder: Jeder macht sein eignes Geld )

Der Abend nahte und Kanoprie war noch weit. Darum mussten Limodane und Brutalo in der nächsten Stadt einkehren. In Kanoprie hatten viele Städte die Endung  Kano. Also, Kartkano, Birnkano. Oder sie begannen mit Kano wie Kanokohl, Kanobirn, Kanopomm. Diese Stadt, über die gerade die Abendsonne einen goldenen Schein legte, wurde Pommkano genannt.

Die Stadtmauern hatte man schon lange beseitigt und ihre Steine schützten nun vor der Stadt die Felder vor Wind. Die Stadtmauern ergaben keinen Sinn mehr. Jedoch nicht deshalb, weil die Welt sich in einem friedfertigen Dauerzustand befand. Es waren die neuen Waffen, die heute gebaut wurden. Sie konnten diese mächtigen Mauern leicht durchschlagen.

Die Felder vor dieser Stadt waren alles Kartoffelfelder. Pommes und Pommkano. "Das war ein einfaches Informationssystem", und Brutalo dachte an die Nachbarstadt Kirschkano, wo er Kirschbäume vermutete. Brutalo stellte fest, dass sich die Felder in einem wilden Zustand befanden. Da war kein Agrarökonom, der hier Hand angelegt hatte und er fragte sich, was diese Verschwendung sollte. Limodane hatte Teile seines Selbstgespräches gehört:

"Brutalo nimm den Spaten und grabe Kartoffeln aus und mache damit deinen Rucksack voll. Ich mache meinen Rucksack voll mit Wildkräutern, die hier den Kartoffeln den Platz streitig machen."

"Wenn wir hier die Kartoffeln nehmen, das ist doch Diebstahl, Limodane."

"Brutalo, in Kanoprien ist das kein Diebstahl, wenn wir die Ernteregeln beachten. Wir sind hier auf Gemeinschaftsfeldern. Hier in Pommkano können wir mit Kartoffeln bezahlen. Wir müssen sie aber nur aus der Erde ausbuddeln und die gleiche Raummenge an Wildkräutern mitbringen. Der Torwart an der Stadtgrenze nimmt uns die Wildkräuter ab und lässt uns mit den Kartoffeln durch das Tor. Die Wildkräuter sind für das Milchvieh. Wenn wir mit Disteln kommen, das ist dem Torwart sehr recht. Davon brauchen wir nur die Hälfte von der Menge abliefern, die sonst für Wildkräuter angemessen sind. Doch wenn wir ohne Wildkräuter ankommen, dann nimmt er uns die Hälfte von den Kartoffeln ab."

Brutalo schmeckte diese Feldarbeit überhaupt nicht. Außerdem war in der Beschreibung, die Limodane abgab, ein Denkfehler für den sie als Figur nicht verantwortlich war. Diesen Denkfehler musste Har gemacht haben.

"Limodane, hier stimmt doch was nicht."

"Was soll hier nicht stimmen?"

"Wir können doch einfach an dem Torwart vorbei an einer anderen Stelle in die Stadt gehen, dann sparen wir die halbe Arbeit."

"Das macht hier doch keiner."

"Warum nicht, Limodane, haben die alle vor dem Torwart Angst?"

"Nein, der ist doch harmlos. Ich glaube, sie sind alles friedliche, fleißige und ehrbare....."

"Bürger," fiel ihr Brutalo ins Wort.

"Limodane, ich glaube die Systeme funktionieren nicht, wenn man sie nur auf gute Tugenden aufbaut und schlechte erst gar nicht erwägt."

"Mit anderen Worten: Du willst also behaupten, gute Tugenden bestehen nur darum, weil es andererseits Untugenden gibt?"

"Ganz genau, Limodane."

"Du willst nun auf einen anderen Weg in die Stadt und dir die halbe Arbeit sparen?"

Ja, warum nicht? Das habe ich doch schon gesagt."

"Damit schädigst du die Gemeinschaft, Brutalo."

"Wie soll ich etwas schädigen, das davon vermutlich nichts erfährt und wenn die das in Pommkano merken, können wir uns immer noch aus dem Staube machen."

"Brutalo, Brutalo jetzt weiß ich, warum du dir den Namen gegeben hast. So kannst du nie ein Patriot werden."

"Was hast du denn schon deinem Land gegeben, damit du diese Auszeichnung verdienst?" fragte Brutalo gereizt.

Er bekam keine Antwort und fühlte sich nicht wohl, denn er hatte Limodane mit seiner Ansicht über die Dinge, die zunächst nur ein Gedankenspiel war, erschrocken. Er erfuhr darum von Limodane nicht, dass es in Kanoprien wesentlich mehr richtige Patriotinnen gab als Patrioten, denn jede Frau, die mehr als zwei Kinder hatte, durfte sich so bezeichnen. Aber das Wort führte immer einen falschen Zungenschlag mit sich, denn wo es auftauchte, war das Kriegsgeschrei nicht weit. Pommkano war in diesem sprachlichen Luxus noch nicht so weit. Ihr physiokratisches System lehrte den Pommkanos, dass sie von den sechs Arbeitstagen der Woche drei Tage für die Gemeinschaft aufbringen mussten. Das war eine Pflicht, der sich niemand entziehen konnte, denn jeder wusste, was der andere machte und eines Wortes bedurfte es darum nicht.

Aus Verlegenheit nahm er Limodanes Zeittransponder in die Hand. Es war das Jahr 1789 eingestellt. Das Display zeigte das Nachbarland: Die Palaver machten eine Revolution und haben etwa ein Dutzend Gefangene befreit. Darunter auch den Marquis de Sade, den sie zum Revolutionsrichter ernannten, die dafür sorgen sollten, dass im Namen der neuen Gerechtigkeit eine Menge Blut floss. Er hat aber nie ein Todesurteil gefällt, worauf man ihn wieder loswerden wollte.

Goethe schwärmte währenddessen von seiner Italienreise und verletzte damit die Gefühle von Frau v. Stein. Die Erscheinung der französischen Revolution war ihm peinlich und erdrückend. Er besaß nur ein geringes Verständnis für die Bewegungen des Gesamtbewusstseins und die Erhebung der Massen.

Brutalo sah diesem Mann eine Weile zu, auch wie er an der Belagerung Mainz teilnahm, das schrecklich zugerichtet wurde.

 

"Limodane, das kann gefährlich werden. Die Palaver machen Revolution. Die hier haben alle noch nicht mitgekriegt, was da los ist. Lass uns hier abhauen. Ich möchte einen schönen Sportwagen haben." Den hatte er gerade auf einer Automobilausstellung in dem Transponder gesehen. So richtig wohl fühlte sich Limodane nicht, sie konnte sich auch nicht vorstellen, was Brutalo in der kurzen Zeit alles gesehen hatte, willigte aber ein. Warum nicht mal eine schöne Reise mit diesem Transponder machen.

"Hast du das Gerät richtig programmiert, Brutalo?"

"Wie richtig programmiert?"

 

Limodane nahm ihm das Gerät ab und schaute nach.

"Ich will wissen, ob Datum, Uhrzeit und örtliche Koordinaten richtig eingetragen sind oder willst du irgendwo in einer anderen Zeit landen?

"Wenn ich mir das genau überlege Limodane, dann hätten wir direkt die Stadt Kanoprie eintippen können."

"Das ist richtig. Aber hättest du dann Gelegenheit gehabt, etwas über dieses Land zu erfahren?" Sie wussten nicht: Das konnte der Zeittransponder nicht leisten. Sie näherten sich lediglich mit dem Prinzip "Learnig-By-Doing" diesem Gerät. Es war ein ziemlich narrensicheres Gerät, wenn man einmal von dem Zwischenfall zu anfangs absah.

 

"Wohin willst du, Brutalo?"

"Wohin? - Weiß nicht. - Aber nimm mal das Jahr 2000!"

"Brutalo, das ist die Zeit der Zahlenmystiker. Komische Welt. Willst du wirklich dahin?"

"Was ist das denn, Zahlenmistaker?"

"Brutalo, Zahlenmystiker! - Zahlenmystiker sind Menschen, die bestimmten Zahlen eine positive, meist jedoch negative Bedeutung zumessen. Für das Letztere steht die Angst, mit der sich gute Geschäfte machen lassen. Als das Dezimalsystem vor ca. fünfhundert Jahren hier Einzug hielt, zog auch die Null in die Mystik ein. Besonders die Null hat es den Mystikern angetan und die Zahl Tausend entsprach noch ihrem Vorstellungsvermögen von Geschichte.

Seitdem - bei jeder Zahl, die im Dezimalsystem mit einer Null endet - sehen viele Frohnaturen einen Grund zum Feiern. Sie glauben, dass bei vielen Nullen sich die Zukunft ändert."

"Die Zukunft ändert sich doch nicht."

"Richtig, denn das würde voraussetzen, dass wir wissen, wie die Zukunft aussieht."

"Sind die wirklich so oberschlau? Wenn sie so feiersüchtig sind, dann sollten sie doch das duale Zahlensystem einführen. Dort endet jede zweite Zahl mit einer Null."

"Warte, Brutalo, wir können mal nachschauen."

 

Limodane legte ein Tuch ins Gras, das sie bis jetzt um ihren Hals trug. Es war kreisrund und in der Mitte ein Loch, durch das sie ihren Kopf steckte, wenn sie es tragen wollte. Auf dieses Loch legte sie ihren Rucksack, dann den von Brutalo mit den gerade ausgebuddelten Kartoffeln und darauf den Zeittransponder. Der lag nun genau in der Mitte und die Startvorbereitungen waren abgeschlossen.

 

"Kommt her und lass den Spaten stecken, den klaut hier keiner. Es ist nur wichtig, dass wir alle auf das Tuch passen. Das Tuch ist so groß, wie der Wirkungsbereich des Zeittransponder.

Außerdem schützt es uns am Landeort vor Steinschlägen. Die können dann auftreten, wenn sie so frei hier im Kreis liegen."

Brutalo, der Wolf und Limodane nahmen auf dem Tuch Platz. Limodane gab nun alle Koordinaten und Zeiteinheiten ein. Es fehlte nur noch der Startsicherheitscode, den ließ sie sich vom Autor geben. Damit war sie sicher, dass ihre Daten des Fluges an einem anderen Ort hinterlegt waren und keiner per Zufall auf Nimmerwiedersehen verschwand. Es dauerte nicht lang und über SMS erhielt sie von Har die Ziffern 636130.

"Er hat es immer noch mit den Sechsen und die 2 Dreien sind zusammen wieder eine Sechs."

Har hatte ihr Selbstgespräch mitbekommen und dachte für sich: "Die Kanopries können es nicht lassen, alles zu umähneln." Doch mit der Sechs lag Har falsch, bei den beiden, wie sich später noch herausstellen sollte.

 

Es gab unterschiedliche Transponder und sie hatten zunächst nur Identifikationsfunktionen. Limodane besaß einen kinetischen Zeittransponder der einen Quantensprung in der Technik darstellte. Er war in der Lage neben einfachen Informationsaufgaben auch Materie in Zeiträume der Vergangenheit oder Gegenwart zu transformieren. Limodane tippte auf die Enter-Taste. Dann verschwamm die Landschaft um Pommkano herum langsam und sachte. Die Farben der Abendsonne wandelten sich in einen grauen Wintertag. Noch ahnten sie nicht, dass diese Reise drei Jahre in Kanoprien verstreichen lassen sollte.                                                            

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